Nachrichten und Kommentar vom 9.9.2010



 

Liebe HCJB-Freunde,

der Präsident von Guatemala hat den nationalen Notstand ausgerufen und in Chile wird fieberhaft an der Befreiung der verschütteten Bergleute gearbeitet. Diese und andere Nachrichten hat in dieser Woche Sigrid Rosiak für Sie zusammengestellt. Im Kommentar von Dr. Eckehart Wolff geht es um das Wunder von Chile.

Aus Quito grüßt Sie herzlich Ihr deutschsprachiges Team von Radio HCJB

 

Lateinamerika-Umschau am 9. September 2010

 

Guatemalas Präsident ruft Notstand aus
Dauerregen verursacht Erdrutsche

Präsident Álvaro Colom rief am vergangenen Samstag wegen anhaltender Niederschläge den nationalen Notstand in Guatemala aus. Bei Erdrutschen waren am Wochenende viele Menschen ums Leben gekommen. Möglicherweise sind bis zu 100 Menschen getötet worden, als sie versuchten einen Bus aus tiefem Schlamm zu ziehen und sich dabei weitere Erdmassen lösten. Der Präsident, der das Unglücksgebiet per Helikopter inspizierte, schätzte den Schaden auf etwa 500 Millionen Dollar und beklagte, dass nach den Zerstörungen durch den Tropensturm „Agatha“ im Mai jetzt kein Geld mehr zur Katastrophenbekämpfung zur Verfügung stehe. Es wird geschätzt, dass mehr als 40 000 Menschen durch die Unwetter obdachlos wurden.

 

Schnellere Rettung für Chiles Bergleute möglich
Per Videokonferenz Kontakt zu Verschütteten

Bisher wurde mit einem Zeitraum von drei bis vier Monaten gerechnet, bis die vor über einem Monat verschütteten Bergleute das Tageslicht wieder erblicken könnten. Doch durch einen sogenannten „Plan C“ kommt nun  Bewegung, und damit neue Hoffnung  in die Rettungsarbeiten. Durch den Einsatz eines riesigen Ölbohrers, der voraussichtlich ab dem 18. September zum Einsatz kommen soll, soll eine schnellere Bergung der unter der Erde Eingeschlossenen bewerkstelligt werden. Das Gerät benötigt die Stellfläche von der Größe eines Fußballplatzes und 42 Lastwagen kommen für den Transport zum Einsatz. Der Aufbau des Gerätes wird viel Zeit in Anspruch nehmen, wird dann aber wesentlich schneller vorankommen als die bisher eingesetzten Bohrer. Es wird geschätzt, dass die Kosten für die Rettungsaktion  etwa zehn Millionen US-Dollar betragen werden.

Ist der Rettungsschacht  erst einmal fertiggestellt, sollen die Bergleute einzeln mit Hilfe einer Rettungskapsel an die Erdoberfläche gebracht werden. Die Kapsel ist mit einer Sauerstoffversorgung, einer Gegensprechanlage, Licht, Wasser und Lebensmitteln ausgerüstet. Für den Weg aus der Tiefe wird bis zu einer Stunde veranschlagt.

Um die Minenarbeiter in ihrer schwierigen Situation „bei Laune zu halten", lassen die Rettungsarbeiter nichts unversucht. Jetzt gelang es ihnen, per Glasfaserkabel Videokonferenzen herzustellen, damit die Verschütteten mit ihren Familien sprechen und sie gesehen werden konnten.  Zur Unterstützung schickte die chilenische Fußball-Nationalmannschaft handsignierte Trikots und den 33 Bergleuten konnte tatsächlich auch der Wunsch erfüllt werden das Freundschaftsspiel der chilenischen Mannschaft am vergangenen Dienstag gegen die Ukraine zu sehen.

Mittlerweile ist Chiles Präsident Piñera durch sein bisher erfolgreiches Krisenmanagement in der Beliebtheit stark gestiegen und auch der Bergbauminister Laurence Golborne macht eine gute Figur. Er hält sich vor Ort auf, legt selbst Hand an bei den Rettungsarbeiten und kümmert sich im  persönlichen Kontakt auch um die Angehörigen der Verschütteten.

 

Indigene Völker in Kolumbien bedroht
Mindestens 34 Völker betroffen

Nicht nur ein Anstieg an Morden, Todesdrohungen und die Zwangsrekrutierung indigener Jugendlicher durch bewaffnete Gruppen stellen Gefahren für Kolumbiens Indigene dar. Es kommt auch immer mehr zu Vertreibungen innerhalb des Landes durch illegale Koka-Kultivierung oder durch Palmöl-Plantagen und Rindfleischproduktion. Nach einem Bericht des Hohen Flüchtlingskommisars der Vereinten Nationen müsse besonderes Augenmerk den letzten nomadischen Völkern im Amazonasgebiet, den Nukak, den Awa und den kürzlich vertriebenen Wounaan gelten. Trotz aller bisherigen Bemühungen des kolumbianischen Staates bleibt das Risiko des physischen oder kulturellen Verschwindens bestehen, in einigen Fällen ist es sogar gestiegen. Der Direktor der Nichtregierungsorganisation „Survival International“ mahnte, dass die neue Regierung unter Juan Manuel Santos schnell und konsequent reagieren müsse, bevor es zu spät sei, um die gefährdetsten Bürger Kolumbiens vor der Auslöschung zu bewahren.

 

Amazonas-Pegel auf historischem Tiefststand
Trockenheit verursacht höhere Preise

Im Nordosten Perus hat der wasserreichste Fluss der Welt den niedrigsten Wasserstand seit über 40 Jahren erreicht mit knapp unter 106 Meter über dem Meeresspiegel. Normal zu dieser Jahreszeit sind 110 Meter. Zwar ist für die nächsten Tage Regen vorhergesagt, aber die Lage wird sich vorerst nicht ändern. Die Experten rechnen sogar damit, dass der Wasserstand um weitere 20 Zentimeter fällt. Denn der Regen wird zunächst einmal vom Boden aufgesogen. Erst Ende des Monats soll sich die Lage wieder normalisieren.

Wie der Chef des Wetteramtes von Iquitos, an der brasilianisch-kolumbianischen Grenze gelegen, verlautete, seien fehlende Niederschläge in den Quellgebieten der Flüsse, die den Amazonas speisen und hohe Temperaturen schuld an der Trockenheit. Aber auch eine Kette von meteorologischen Ereignissen in Folge des El-Niño-Phänomens, das in unregelmäßigen Zyklen zwischen drei und acht Jahren das Weltklima durcheinanderbringt und die Abholzung haben die kritische Lage mit verschuldet. Die Flussschifffahrt des Amazonas ist an so tiefe Wasserstände nicht gewöhnt, so dass sich die Fahrtzeit verdoppelt – statt zwei brauchen die Versorgungsschiffe bis zu vier Wochen. Kochgas kostet in Iquitos mittlerweile doppelt so viel wie bei normalem Wasserstand.

 

Menschenrechtsbehörde an historischem Ort
MERCOSUR eröffnet Institut für Menschenrechte

Der Ministerrat des Staatenbundes MERCOSUR (Gemeinsamer südamerikanischer Markt) hat Anfang August die Schaffung eines Instituts für Menschenrechte beschlossen. Die Behörde wird in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires errichtet,  in der ehemaligen Technikerschule der Marine (ESMA). Das frühere geheime Haftzentrum gilt bis heute als Symbol für die Schreckensherrschaft der letzten Militärdiktatur Argentiniens. Im Zuge der Vergangenheitsbewältigung wurde es zu einem Raum der Erinnerung an die Gräueltaten der damaligen Junta umgewandelt.

 

Evangelikaler Pastor in Kuba aus Haft entlassen
Nach 21 Monaten Hausarrest freigesprochen

Wie der idea-Pressedienst mitteilte, war Pastor Roberto Rodriguez am 30. August in seinem Haus festgenommen worden. Ihm wurden „beleidigendes Verhalten“ und „Drohungen“ vorgeworfen und die Staatsanwaltschaft hatte eine einjährige Haftstrafe gefordert. Rodriguez war Präsident einer Pastorenvereinigung, die 2008 aus dem staatlich kontrollierten Kubanischen Kirchenrat ausgetreten war. In den Jahren 2008 und 2009 hatte der Pastor bereits mehrmals Gerichtsvorladungen erhalten, die letzten 21 Monate hatte er unter Hausarrest gestanden. Der gesundheitlich angeschlagene Gemeindeleiter durfte bei seiner Verhaftung keine Medikamente mitnehmen. Wie nun bekannt wurde, hat ein Gericht in Kuba den 67jährigen am vergangenen Sonntag freigesprochen. Die Richter verhängten ein „unbedeutendes Bußgeld“ und entließen ihn in die Freiheit. Von den 11,4 Millionen Einwohnern des kommunistisch regierten Kubas sind etwa 47 Prozent Kirchenmitglieder, die meisten davon Katholiken. 36 Prozent sind ohne Religionszugehörigkeit und 17 Prozent Spiritisten.

 

Quito wird 2011 Kulturhauptstadt Amerikas
Ecuadors Hauptstadt seit 32 Jahren Weltkulturerbe der Menschheiturde

Am gestrigen Mittwoch wurde Quito zur Kulturhauptstadt Amerikas 2011 ernannt. Im laufenden Jahr 2010 gebührt dieser Titel Santo Domingo, er Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Die Auszeichnung bringt für die Austragungsstädte viele, auch finanzielle Vorteile mit sich. Der internationalen Tourismus wird angekurbelt, aber auch die nationalen Einwohner kommen in den Genuss von kulturell hochwertigen Veranstaltungen. Die Unterzeichnung des Vertrages mit dem internationalen Büro der Kulturhauptstädte fand an einem denkwürdigen Datum statt. Vor genau 32 Jahren, am 8. September 1978, hatte Quito als erste Stadt der Welt von der UNESCO den Titel „Weltkulturerbe der Menschheit“ verliehen bekommen.

 

Sieg und Niederlage für Ecuadors Tri
Erfreuliches Debut für neuen Nationaltrainer

Mit einem 2:1 Sieg gegen Mexiko und einer 0:1 Niederlage gegen Venezuela begann der Kolumbianer Reinaldo Rueda seine offizielle Tätigkeit als Trainer der ecuadorianischen Fußballnationalmannschaft. Das relativ junge Spielerteam zeigte Spielfreude und Umsetzungsvermögen, verlor das Spiel gegen Venezuela allerdings durch einen Torwart- und Abwehrfehler, der den Endstand besiegelte.

 

McEnroe spielt in Guayaquil
Schaukampf mit ecuadorianischer Tennisgröße

Ende September wird die frühere Nummer Eins der Tennisweltrangliste und siebenmaliger Grand Slam-Gewinner John McEnroe in einem Schaukampf gegen den Ecuadorianer Andrés Gomez in Guayaquil antreten. Beide sind Linkshänder und sind sich in den 1980er Jahren oft bei internationalen Turnieren begegnet. Im Alter von 20 Jahren belegte McEnroe 1980 zum ersten Mal den Platz Eins der Weltrangliste und konnte sich insgesamt 170 Wochen an der Spitze halten. Im Laufe seiner Karriere gewann er 77 international hochklassige Turniere.

 

Der September wird regnerisch
Und hier noch der Blick auf das Wetter im Andenhochland

Der September hielt mit wechselhaftem Wetter Einzug in Quito und Umgebung. In den nächsten Wochen wird die Wetterlage bestimmt von bewölkten Vormittagen und regenreichen Nachmittagen, die Temperaturen werden kaum die 20° Celsius erreichen. Damit beginnt die Übergangszeit und mehr und mehr wird der Regen in Quito die Überhand gewinnen.

 

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Kommentar von Dr. Eckehart Wolff

Das Wunder von Chile

          Ganz Südamerika fiebert seit Wochen mit 33 Bergleuten im Norden Chiles, die in einer Kupfer - und Goldmine seit dem 5. August eingeschlossen sind. Ein Erdrutsch im Bergwerk hatte den Hauptgang verschüttet und jede Verbindung zu den Menschen in 700 m Tiefe abgeschnitten. Die sofort eingeleitete Rettungsaktion bestand aus insgesamt 9 Bohrungen, von denen eine schließlich nach 18 Tagen eine Verbindung von 8 cm Durchmesser zu den Bergleuten zustande brachte. Der erste Zettel mit der Nachricht: "Wir 33 leben warten auf die Rettung!" wurde vom Staatspräsidenten im Fernsehen verlesen und wie ein Volksfest im ganzen Land gefeiert. Aber ein 8 cm Loch ist noch keine Rettung. Nach der ersten Euphorie kommen jetzt das lange Warten und die endgültige Arbeit.

          Das chilenische Bergwerk in der Wüste Atacama ist ganz anders aufgebaut als etwa Kohlebergwerke in Deutschland mit einem zentralen Schacht mit Aufzug. Es ist ein langer Tunnel, in dem Autos im Zig-Zack in die Tiefe fahren. So wird Material und Personal mit der Tiefe ausgetauscht. In ungefähr 500 m gab es Anfang August einen Erdrutsch, der den Zugangsweg versperrte. Den Eingeschlossenen blieben noch 1,8 km Tunnel zur freien Bewegung. Es gibt Essens - und Wasservorrat für einige Tage, einen Flucht- und Aufenthaltsraum und auch Fahrzeuge bis hin zu kleinen LKWs. Aber diese Fahrzeuge benutzt derzeit keiner. 3 Dinge begrenzen das Leben der Minenarbeiter: Es gab über fast 3 Wochen keine Kommunikation mit ihnen. Ein Telefonkabel ist jetzt Garant für Bilder und Gespräche. Sauerstoff wird knapp. Die Leitung wird jetzt für einen Gasaustausch genutzt. Und drittens die Ernährung. Derzeit erhalten die Eingeschlossenen glukosehaltige Paste in Kapseln sowie Medikamente. Mehr passt einfach nicht durch ein 8 cm breites Loch.

          Jetzt wurde mit der endgültigen Rettungsaktion begonnen. Die Maschinen sind seit Ende August vor Ort und arbeiten rund um die Uhr. Das 8-cm große Bohrloch wird in einer ersten Phase auf 33 cm erweitert und in einer zweiten auf 66 cm. Dadurch ist bessere Verbindung möglich und später die Rettung jedes einzelnen der Arbeiter unter Tage. Doch dazu müssen die Männer auch hart mitarbeiten. Stündlich werden ca. 500 kg Staub und Gesteinsreste durch das Bohrloch nach unter fallen, die weggeräumt werden müssen, also 12 Tonnen täglich. Dabei wird die Sonde 20 - 30 m pro Tag weiter in die Tiefe gebohrt. Und in dieser Zeit wird die Versorgungsleitung also immer wieder für längere Zeit unterbrochen sein, manchmal wohl volle Tage. Das Ganze wird sich mindestens bis Weihnachten, also über 3 Monate hinziehen. Inzwischen wissen alle Bescheid und sind bei der Arbeit. Die neueste Nachricht ist eine Maschine aus Deutschland, die den Durchbruch in ca. 2 Monaten schaffen soll.

          Für Chile ist es eine Rettungsaktion, an der eine ganze Nation Anteil nimmt und mit fiebert. Und natürlich sind die Nachrichten aus der Tiefe in aller Munde. Und wieder einmal sind es die persönlichen Schicksale, die besonders interessant sind. Da ist ein Ehepaar mit standesamtlicher Trauung, aber die kirchliche haben sie vor sich her geschoben bis irgendwann einmal, wenn Zeit und Geld da ist. Das wollen sie jetzt sofort nach der Befreiung nachholen. Väter ermutigen ihre Kinder aus 700 m Tiefe, aber auch aus der Tiefe ihres Herzens. Es werden Briefe geschrieben und Ehen werden wieder zusammen geschweißt. Menschen merken an diesem Punkt, dass Gott ihnen noch einmal eine besondere Zeit als Ehepaar und Familie gegeben hat, eine zweite Chance. Das Leben nach der Minenkatastrophe ist nicht mehr so wie früher. Vielleicht täte eine solche Prüfung jedem von uns mindestens einmal im Leben gut. Dann würden wir uns vielleicht auch wieder auf das Wichtigste konzentrieren. 

 


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